Karel Reiner Karel Reiner (1910-1979)

Karel Reiner wurde am 27. Juni 1910 in der nordböhmischen Stadt Saaz (heute: Žatec) geboren. Sein Vater war der Oberkantor der dortigen jüdischen Gemeinde. Er wünschte für seinen Sohn aber eine Qualifikation jenseits der Musik, deshalb studierte Karel ab 1928 in Prag Jura und schloss das Studium 1933 mit der Promotion ab. Parallel dazu aber betrieb er seine musikalische Ausbildung, zunächst privat bei Erwin Schulhoff (Klavier) und Alois Hába (Musiktheorie), dann besuchte er die Meisterklasse von Josef Suk am Prager Konservatorium.

In den 1930er Jahren gehörte Reiner zu den aktivsten Repräsentanten der musikalischen Avantgarde in Prag. Mit Alois Hába verband ihn eine lebenslange Freundschaft. Reiner setzte sich für dessen Schaffen ein, indem er der wichtigste Interpret von Hábas Werken für Vierteltonklavier wurde (in den 1920er Jahren war das Schulhoff gewesen). Als die Juden nach der Okkupation im sogenannten Protektorat Böhmen und Mähren vom öffentlichen Leben völlig ausgeschlossen wurden, beteiligte er sich an der Planung und Ausführung illegaler Konzerte.

1943 wurde er, zusammen mit seiner Frau Hana, nach Theresienstadt deportiert. Reiner beteiligte sich dort an den musikalischen Aktivitäten der "Freizeitgestaltung", aber seine Kompositionen aus Theresienstadt haben nicht überdauert. Im Herbst 1944 wurde er wie die meisten Musiker aus Theresienstadt nach Auschwitz deportiert, er aber überstand die Selektion und wurde ins KZ Kaufering verlegt, wo er eine Erkrankung mit Fleckentyphus überlebte. Nach dem Krieg kehrte er nach Prag zurück und traf dort seine Frau wieder, die im KZ Mauthausen befreit worden war. Eine erste Antellung fand er mit Hilfe von Alois Hába an der "Oper des 5. Mai". Später war er hauptsächlich freischaffend tätig.

Unter der kommunistischen Herrschaft fand er bis 1968 Anerkennung, er wurde dank seiner juristischen Kenntnisse Sekretär des tschechoslowakischen Komponistenverbands. Mit der Politik der "Normalisierung" nach dem Sturz der reformorientierten Regierung Dubčeks war er nicht einverstanden, er legte seine Ämter nieder und trat aus der kommunistischen Partei aus. Die folgenden Repressionen gipfelten in einem Aufführungsverbot nach 1970. Am 17. Oktober 1979 starb Karel Reiner in Prag.

Karel Reiners Schaffen ist umfangreich und vielfältig. Er schrieb zwei Opern, größere und kleinere Orchesterwerke, diverse Konzerte, u.a. für Klavier, für Violine und für Bassklarinette. In seiner Kammermusik nehmen Werke für Blasintrumente großen Raum ein, er schrieb aber auch vier Streichquartette. Das Klavierwerk teilt sich in 3 Sonaten und mehrere Zyklen von mitunter extrem kurzen Stücken. Außerdem komponierte er Lieder, Film- und Gebrauchsmusik. Das Vierteltonsystem wendet er nur in 5 Werken an.
Längst nicht alle Werke Reiners wurden gedruckt, aber doch einige bei den tscheischen Verlagen Melantrich, ČHF und Panton, in jüngerer Zeit auch bei Ricordi.

Porträtiert bei musica reanimata im 73. Gesprächskonzert am 28. September 2006, außerdem war sein Klaviertrio Teil des Jubiläums-Konzerts "Kammermusik aus Theresienstadt" am 26. September 2010.


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